Der Heilige Martin, Patron unserer Pfarrei

Von Pfarrer Andreas Keller

Mit einer Dreiviertel-Mehrheit stimmte der Pfarreirat der Projektpfarrei Kaiserslautern 2 am 3. Juli 2013 für die Beibehaltung des Patroziniums St. Martin für die neue zu bildende Pfarrei.

Die Gründe, den Heiligen Martin als Patron zu wählen, waren folgende:

  1. Sein barmherziges Handeln verdeutlicht in einfach zu verstehender Weise glaubwürdiges christliches Handeln nach den Worten Jesu: „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus Kapitel 25). In der Szene der Mantelteilung verdichten sich vorbereitende Katechese, Spiritualität und caritatives Handeln.
     
  2. Der Heilige Martin ist einer der populärsten und ältesten Heiligen Deutschlands. Nahezu alle Kinder in katholischen Kindertageseinrichtungen kennen die Szene der Mantelteilung. Darüber hinaus ist er auch kirchlich weniger nahestehenden Eltern und ihren Kindern durch Martinszüge und Martinsfeiern bekannt. Durch seinen hohen Bekanntheitsgrad ist der Heilige Martin ein idealer Anknüpfungs­punkt, um mit der Kirche Fernstehenden ein Glaubensgespräch zu beginnen.
     
  3. Das Patrozinium des Hl. Martin hat eine uralte Tradition in der Stadt Kaisers­lautern. In einem städtischen Dokument wird im Jahr 1458 der Hl. Martin von Tours als Patron der Stiftskirche zu Kaiserslautern genannt. Nach lokaler mündlicher Überlieferung war aber bereits der Vorgängerbau der Stiftskirche, die alte Pfarrkirche, dem Hl. Martin geweiht. Der Martinskult in Kaiserslautern ist vermutlich sehr alt, denn Kaiserslautern war in karolingischer Zeit Königshof und Martin der Schutzheilige der fränkischen Könige. Martins Mantel (lat. cappa) gehörte seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Aufenthaltsort zu Aufenthaltsort, wo die Cappa in einer "Kapelle" aufbewahrt und von einem Geistlichen, dem "Kaplan" bewacht wurde.
     

Der Heilige Martin darf nicht auf die bekannte Szene der Mantelteilung reduziert werden. Aus seinem Leben erfahren wir wichtige Impulse für die Seelsorge in unserer Pfarrei:

 

Martin bereitete sich lange Zeit auf die Taufe vor, die er gegen den Wunsch seines Vaters anstrebte. Dass die Mantelteilung bereits vor seiner Taufe geschah, belegt die außerordentliche Wichtigkeit eines sorgfältig durchgeführten Katechumenats und die Notwendigkeit einer breiter Erwachsenenkatechese. Wir nehmen deswegen das regelmäßige Angebot von Glaubenskursen und Erwachsenenkatechesen in unser Pastorales Konzept auf.

 

Sulpicius Severus erzählt in seiner Hagiographie des Hl. Martin von dessen Verweigerung des Kriegsdienstes vor Kaiser Julian. Diese Episode zeigt, dass die in der Taufe getroffene Entscheidung für Christus zu Konsequenzen im Leben führt. Wir werden in allen Gemeinden Kreise bilden, in denen die Sprachlosigkeit des Glaubens überwunden wird und das alltägliche Handeln aus dem Glauben zur Sprache kommt.

 

Der Heilige Martin versuchte vergeblich, seinen Vater zur Abkehr vom heidnischen Glauben zu bringen und zum christlichen Glauben zu führen. Dieses Ereignis bewahrt die Verantwortlichen der Pfarrei Hl. Martin vor Resignation, wenn ein gesetztes Ziel in der Seelsorge nicht erreicht wird.

 

Der christliche Glaube zeigt sich im alltäglichen Leben eines Christen. Die Verweige­rung des Kriegsdienstes vor Kaiser Julian überstand Martin ohne Bestrafung. Aber von Christen, die der Irrlehre des Arian anhingen, wurde Martin mit Ruten öffentlich ausgepeitscht. Diese Erzählung nehmen wir zum Anlass, um in unserer Pfarrei dem wertschätzenden Umgang mit anderen einen hohen Stellenwert einzuräumen.

 

In seiner Hagiographie berichtet Sulpicius Severus, wie der Teufel Martin für dessen Milde gegenüber gefallenen Mitbrüdern kritisiert. Martin vertritt dagegen die Ansicht, dass „diejenigen, die aufgehört hätten zu sündigen, um der Barmherzigkeit des Herrn willen von der Sünde freizusprechen seien.“

Als der Teufel darauf besteht, „einmal Gefallenen könne vom Herrn keine Milde zuteil werden“, entgegnet ihm Martin, dass er sogar ihm Barmherzigkeit verhieße, wenn er aufhörte, den Menschen nachzustellen und seine Taten bereute. Diese Aussage des Hl. Martin erinnert uns daran, dass die Seelsorge in unserer Pfarrei im Geiste Jesu eine „barmherzige Pastoral“ sein muss.

 

Einmal zeigte sich der Teufel Martin in der Gestalt eines mit kaiserlichen Gewändern gekleideten Mannes mit heiterem Antlitz und angenehmer Erscheinung. Er teilte Martin mit, er sei Christus und im Begriff, auf die Erde hinabzusteigen. Martin erwiderte: „Ich werde erst an die Ankunft Christi glauben, wenn er sich in der Erscheinung und Gestalt zeigt, in der er gelitten hat, wenn er die Wundmale der Kreuzigung aufweist.“ Worauf sich der Teufel unter Rauch und Gestank verflüchtigte.

Als Pfarrei Hl. Martin folgen wir der Ansicht unseres Patrons und sehen die Kirche nicht zuerst als als eine triumphierende und über alles erhabene, sondern als den lebendigen Leib des gekreuzigten Christus. Die Kirche umfasst deswegen in besonderer Weise all jene Menschen, die verwundet und gescheitert sind.

Darüber hinaus verstehen wir die Kirche als Leib des Gekreuzigten auch im Sinne von Papst Franziskus „Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“

 

Das Wirken Martins lässt sich mit dem von der christlichen Arbeiterjugend stammenden Dreischritt  „Sehen – Urteilen – Handeln“ näher beschreiben. Die Methode wird auch in der Gemeindepastoral 2015 empfohlen. Wir übernehmen diese Methode  für unser pastorales Konzept.

Sehen
Martin sah den Bettler am Tor und sein Sehen war von Empathie begleitet. Er fühlte den durch die bittere Kälte verursachten Schmerz des Elenden und teilte seine Angst vor dem Erfrieren. Aus Mitleid beschloss er dem Armen zu helfen. Hierin unterscheidet er sich stark von seinem durch militärische Werte geprägten Vater. Empathie wird vor allem durch das soziale Umfeld erlernt. Hier trägt das Katechumenat Martins Früchte.

In unserer Pfarrei Hl. Martin ist es uns wichtig, bereits Kindern und Jugendlichen ausgehend von unseren Kindertagesstätten über die Kinder- und Jugendarbeit die Fähigkeit des Mitfühlens (Empathie) zu vermitteln. Empathie ist eine der Voraussetzungen, damit Christen ihre pastorale Sendung in der Welt erfüllen können, indem sie Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen teilen.

Urteilen
Das Mitleid führte Martin zur Einsicht in die Notwendigkeit, das gesehene Leid durch aktives Handeln zu mildern. Getreu den Worten aus dem Jakobusbrief „Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das?“ (Jak 2,15-16) handelt Martin und teilt seinen Mantel.

Urteilen bedeutet hier eine Situation im Geiste Jesu zu reflektieren und eine Lösung zu finden, die dem Evangelium entspricht. Dieses Urteilen setzt ein intensives Vertrautsein mit dem Evangelium voraus, das nur durch regelmäßiges Lesen und Hören der Frohbotschaft und durch Glaubensaustausch mit anderen Christen möglich ist.

Um im heutigen Alltag im Geiste Jesu urteilen zu können, sind Eucharistiefeiern mit impulsgebenden Predigten oder gutgestaltete Wortgottesfeiern in all unseren Gemeinden unverzichtbar. In gleicher Weise sind in allen Gemeinden Foren notwendig, in denen die Erfahrungen des Glaubens ausgetauscht und aktuelle Herausforderungen im Licht des Evangeliums diskutiert werden.

Handeln
Während in den Gottesdiensten und der Katechese das Vertrautwerden mit Christus, seinem Evangelium und das Urteilen in seinem Geist im Mittelpunkt stehen, besitzt die Sendung in die Welt die Schwerpunkte der Empathie und des aktiven Handelns in tätiger Nächstenliebe. Der Traum Martins knüpft an die Gerichtsrede Jesu (Mt 25) an, in der von Gott das Leben eines Menschen nach seinen verwirklichten Werken der Barmherzigkeit beurteilt wird. Sowohl in den Zukunftsbriefen unserer Gemeinden als auch in der qualitativen Analyse (Interviews) und den Visionen wurde großer Wert gelegt auf das caritative und soziale Engagement der Kirche vor Ort.

Dass Martin bei seiner Mantelteilung (noch) ungetauft war, mahnt uns, bei unserem caritativen Handeln die Zusammenarbeit auch mit jenen zu suchen, die unsere explizit christlichen Werte nicht teilen. Durch den caritativen Einsatz bezeugen wir glaubwürdig unseren Glauben und zeigen Suchenden einen Weg auf, um Antworten auf die Sinnfrage ihres Lebens zu finden.